Freie Therapieplätze?

Warum ist es so schwer, einen Therapieplatz zu bekommen?

Jeden Tag erreichen mich in meiner Praxis teilweise sehr verzweifelte Anfragen von Menschen, die händeringend und dringend Hilfe in einer Krise suchen. Sehr häufig muss ich diese Menschen aufgrund mangelnder Therapieplätze leider wegschicken und auch das ist nicht leicht.

Warum gibt es keine schnelle Hilfe?

Die besondere Qualität einer Praxis für Psychotherapie liegt darin, dass ein Therapeut über einen Zeitraum von etlichen Monaten bis hin zu mehreren Jahren für einen Menschen verlässlich Zeit hat. In den meisten Fällen hat ein Patient einen Termin pro Woche, jeweils für eine Stunde. Wegen der vielen Anfragen wird ein Therapeut versuchen, möglichst viele Termine fest zu vergeben. Eine schnelle Hilfe ist dann schwierig, denn die Menschen wollen ja nicht ein oder zwei Gespräche, sondern einen Therapieplatz. Der muss aber eben erst einmal frei sein.

Warum sind Therapieplätze so selten?

Ein Therapeut kann etwa sechs Patienten pro Tag auf diese Weise behandeln, dann kommt noch Verwaltung und Schriftverkehr dazu. Bei fünf Arbeitstagen kann ein Therapeut so etwa 30 - 32 Patienten behandeln. Mancher Kollege behandelt mehr, mancher aber einige weniger, beispielsweise weil er noch abends Gruppen anbietet, Kurse und Seminare gibt oder zusätzlich in einer Beratungsstelle arbeitet. Nun bleibt ein Patient bei der Verhaltenstherapie, dem in Deutschland am häufigsten verwendeten Verfahren, beispielsweise ungefähr zwischen sechs Monate und 1,5 Jahre. Daraus ergibt sich dann, dass in einer solchen Praxis im Schnitt nur alle sechs bis acht Wochen ein Therapieplatz frei wird. Anders ausgedrückt, eine verhaltenstherapeutische Praxis nimmt nur etwa 8 bis 10 Patienten pro Jahr neu auf. Diese Zahl kann von Kollege zu Kollege sehr unterschiedlich sein. Manche Kollegen arbeiten grundsätzlich eher kurzzeit-orientiert. Andere arbeiten schwerpunktmäßig mit Störungsbildern, die besonders langwierig zu behandeln sind.

Wie ist es mit Wartelisten?

Ob ein Therapeut eine Warteliste führt, liegt im persönlichen Ermessen. Häufig hört man, dass sich auf diese Weise Wartezeiten von bis zu einem Jahr und mehr ergeben. Ob das ein gutes Vorgehen ist, mag man gerne bezweifeln. Ich rate den anfragenden Patienten, sich stets so umfassend wie möglich bei allen in Frage kommenden Therapeuten zu erkundigen, denn schon der nächste, den Sie anrufen, könnte ja den so begehrten Therapieplatz frei haben.

Trotzdem, ich finde einfach nichts...

Leider muss man sagen, dass es ein Problem mit der regionalen Verteilung von Therapieplätzen gibt, welches vor allem politisch bedingt ist. Als 1999 nach sehr langem, bitterem politischen Ringen endlich das Psychotherapeutengesetz verabschiedet wurde, welches heute die Grundlage für die aktuelle Versorgungslage schuf, wurde ermittelt, wer zu diesem Zeitpunkt als Therapeut niedergelassen war. Da aber nicht mehr Geld als bisher ausgegeben werden durfte, hat man durch einen Verwaltungsakt festgelegt, dass mit dem Zeitpunkt 1999 eine 100% Versorgung festgelegt ist. Mehr Therapeuten durften nicht mehr zugelassen werden. Dadurch entsteht die Situation, dass beispielsweise in Köln 38.8 Psychotherapeuten für 100.000 Einwohner vorgesehen sind, in Dortmund aber nur 11,4. Das ist absurd, aber leider politische Realität (siehe dazu u.a.: PtK Newsletter 2/2011).

Besonders dramatisch ist die Unterversorgung im Bereich der Therapie für Kinder und Jugendliche. Dort wird sogar von Seiten der politisch Verantwortlichen zugegeben, dass es eine Unterversorgung gibt. Auch hier ist aber guter Rat teuer, denn es braucht viele Jahre, um neue Therapeuten auszubilden.

Was kann ich tun?

Sie dürfen nicht aufgeben. Telefonieren Sie, schreiben Sie E-Mails und dann die ganze Liste wieder von vorn. Es gibt einige wenige Versorgungsmöglichkeiten in Gesundheitsämtern und in öffentlichen und privaten Beratungsstellen. Es gibt Selbsthilfegruppen, die teilweise hervorragende Arbeit leisten. Deren Adressen erhalten Sie zumeist über das Gesundheitsamt oder Sie finden Hinweise in regionalen Tageszeitungen.

Sehr wichtig ist noch der Hinweis, dass es Therapeuten mit Kassenzulassung gibt, die in aller Regel völlig überlaufen sind und solche, die in freier Praxis ohne Kassenzulassung (d.h. mit Privatpatienten, mit Selbstzahlern, aber eben auch mit der sog. Kostenerstattung) arbeiten. Diese Kollegen sind in der Regel deutlich weniger überlaufen und sind fachlich genauso qualifiziert wie die anderen. Einzig die Prozedur der Kostenerstattung, die ja hier und hier genau erklärt wird, ist umständlich und nicht zwingend erfolgreich.

Es ist mir aber ganz, ganz dringend!!!

Die Aufgabe von Psychologischen Psychotherapeuten ist die langfristige Behandlung über viele Monate hinweg, nicht die Akutversorgung. Dafür wären sie vielleicht qualifiziert, aber in unserem Gesundheitssystem haben sie eine andere Rolle bekommen und daher auch keine entsprechenden Abrechnungsziffern.

So, wie in Deutschland die psychosoziale Versorgung organisiert ist, sind zuallererst die Hausärzte und die Fachärzte (beispielsweise Gynäkologen) die Ansprechpartner der Patienten, wenn eine besondere Krisensituation vorliegt. Die verweisen dann meistens je nach Problemlage an Nervenärzte, Psychiater oder Neurologen. Es kann auch sein, dass ganz klar eine Aufnahme in einer psychiatrischen (Landes-) Klinik erforderlich ist. Die besondere Aufgabe der Landeskliniken ist die Akutversorgung und deshalb sind diese Kliniken Tag und Nacht geöffnet. Sie müssen jeden anfragenden Menschen auf jeden Fall behandeln und sein Anliegen ernst nehmen.

Stefan Paffrath 2012-11-02